Braucht es den Aschermittwoch noch?

18.02.2026 |

Badische Neuste Nachrichten, 18.02.2026, Roland Spether
 
Pfarrer der neuen Kirchengemeinde beleuchten Bedeutung von Umkehr und Fasten heute.

 
Achern. Nach Narretei, Schabernack und Fröhlichkeit ist die Wahrheit am kirchlichen Aschermittwoch knallhart: „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst.“
 
Das klingt nicht gut und wie ein Schlag mitten ins Gesicht. Doch im Jahreskreis der Kirche und in den Gemeinden der Kirchengemeinde Acher-Renchtal kommt nach der ausgelassenen „Nacht vor dem Fasten“ (Fastnacht) jener nicht besonders beliebte Aschermittwoch. Die Narren fürchten ihn, andere verdrängen in wegen seiner unausweichlichen Realität über die eigene Sterblichkeit, und gläubige Menschen feiern ihn als Start in eine Zeit von Umkehr, Buße und Fasten. Dies bestätigt ein Blick in das Pfarrblatt der neuen Kirchengemeinde mit 36 Gemeinden, denn am Aschermittwoch finden sich 28 Angebote, von „Asche für Eilige“ über Wort-Gottes-Feiern bis zu Einladung, Asche als „starkes Zeichen“ mit nach Hause zu den Familien mitzunehmen.
 
„Das macht deutlich, wie wertvoll unsere Lebenszeit ist.“
Christof Scherer, Pfarrer
 
„Ich lebe mein Leben und alles ist gut“, sagte ein junger Hästräger am Schmutzigen Donnerstag kurz vor dem Sturm auf das Acherner Rathaus. Wie weitere Fasnachter in der Runde assoziierte er mit dem Aschermittwoch: „Da endet halt die Fastnacht.“ Verzicht auf Alkohol und Zigaretten oder über den Sinn des Lebens nachzudenken und sich ein Aschekreuz auf die Stirn zeichnen zu lassen, waren eher Fehlanzeige.
Doch, er kenne Leute, die mit dem Alkohol eine „Fastenpause“ einlegen und das auch „durchziehen“ würden, sagte einer der Narren. „Ich bin weder katholisch, noch evangelisch. Ich bin nichts mehr“, erklärte eine junge Frau. „Manche haben an Aschermittwoch wie an Neujahr gute Vorsätze. Ich selbst habe mir zu Aschermittwoch noch keine Gedanken gemacht“, erklärte die Fasnachterin. Für sie und andere hat der Aschermittwoch aber keine tiefere Bedeutung mit Konsequenzen fürs eigene Leben. „Die Fasnacht ist vorbei, und das Leben geht weiter. So läuft das“, war zu hören. Im „Wandel der Zeit“ würde die Fastenzeit für heutige Leute nicht mehr die Bedeutung haben wie in früheren Generationen, so Bernd Herr, Oberzunftmeister der Eiskellerdämonen. Sicherlich sei es wichtig, über sein Leben nachzudenken und auch etwas zu ändern.
„Ich glaube nicht, dass dieses Bewusstsein in der Mehrheit der Bevölkerung und in einer Zeit der Work-Life-Balance noch vorhanden ist. Ich bin da eher pessimistisch“, meinte Bernd Herr. Dass der Aschermittwoch für Menschen immer noch wichtig sei, zeige daran, dass das Pastoralteam um die Pfarrer Christof Scherer (Achern) und Ralf Dickerhof (Oberkirch) an dem Tag mehr als 28 Angebote mache und sich viele Ehrenamtliche einbringen würden.
Im Klauskirchl wird von 10 Uhr bis 11 Uhr und von 16 bis 17 Uhr „Asche to go“ auch von Gemeindereferent Raimund Stockinger verteilt, nach dessen Erfahrung viele Menschen bewusst zu diesem alternativen Angebot gleichsam auf dem Weg kommen. Die starke Nachfrage nach dem Aschekreuz werde vor allem bei „Asche to go“ deutlich. „Da kamen Menschen,die noch den Zug wollten und keine Zeit mehr für den Gottesdienstbesuch hatten. Oder es kam eine Großmutter mit ihren Enkeln, die das Aschekreuz schon am Vormittag wollte.“ In den früheren Seelsorgeeinheit wurden die Gottesdienste in Achern auf zwei Tage verteilt. Doch den Aschermittwoch am Donnerstag feiern, das wollten viele nicht, so Scherer. Deshalb wurden jetzt alle Angebote auf den Aschermittwoch konzentriert, um möglichst vielen Menschen ein breites Angebot zu machen. Denn der Aschermittwoch sei nicht nur der Beginn der Fastenzeit, er habe auch ein eigenes Profil, weil er stark an die eigene Sterblichkeit erinnere. Wie oft werde beklagt, dass Sterben und Tod in der Gesellschaft anonymisiert und verdrängt würden. „Es ist für uns als Menschen sinnvoll, sich von Zeit zu Zeit diesem Faktum zu stellen, dass wir einmal sterben müssen. Das macht deutlich, wie wertvoll unsere Lebenszeit ist.“ Weiter verwies er auf „moderne Lebensratgeber“ wie den „Dry January“, den „Trockenen Januar“; einen Monat auf Alkohol verzichten. Für die eigene Gesundheit und den Klimaschutz sei es auch sinnvoll, den Fleischkonsum zu reduzieren. Auch dieses Thema deckt sich mit dem alten Brauch der Fastenzeit. „Wir alle brauchen Zeiten, in denen wir einen kritischen Blick auf unsere Lebensgestaltung werfen. In christlicher Perspektive stehen diese Themen dann im Horizont der Gottesfrage.“
In der Kirche St. Nickolaus wird am Aschermittwoch „Asche to go“ angeboten. Foto:Roland Spether